X-Plattenbau

East German Prefab apartment block in Potsdam shot with simulated cross process
X-Plattenbau (2019)

Ich habe meine halbe Kindheit in der DDR verbracht und nie im Plattenbau gewohnt. Trotzdem hat sich bei mir eine Faszination mit der sozialistischen Version brutalistischer Architektur entwickelt. Nicht, dass ich in diesen Häusern je wohnen möchte. Die „Platte“ ist Zeuge einer Zeit, welche die Schaffung von preiswerten und modernen (wenn auch schlichten) Wohnungen als politische und gesellschaftliche Priorität ansah. Verständlich wenn damals viele Menschen noch mit Kohle geheizt haben und die Bausubstanz auf halbwegs rekonstruiertem Vorkriegsniveau war. Sie ist aber auch Sinnbild eines Staates, welcher seine Bürger nicht als sich frei entfaltende Individuen betrachtete, sondern auch als Ressource für die Felder, Fabriken und Armeen, die wirtschaftlich behaust werden musste. Oder zumindest als Mündel, welcher mittels sozialistischem Wohnungsbau entsprechend zum sozialistischen Menschen herangezogen werden sollte.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn trotz vorgeblicher Befreiung der Menschen von der versklavenden Profitgier des Kapitalismus, diese nunmehr im Sozialismus Teil eines übergeordneten und rational kalkulierten Wirtschaftsplans wurden. Die Befriedigung individueller Bedürfnisse und Wünsche stand oft im Widerspruch und war nicht selten nachrangig zu den staatlichen und gesellschaftlichen Zielen. Obwohl diese oft gut gemeint, waren die Menschen in dieser verwirklichten Ideologie Mittel zum Zweck statt Selbstzweck. Diese Wohnblöcke sind betongewordene Zeugen dieser Realität. Oft als ganze Neubausiedlung entworfen und um Schulen, Kindergärten, medizinische Grundversorgung, ein paar Einkaufsmöglichkeiten für Güter des täglichen Bedarfs und das obligatorische Kulturhaus ergänzt. Letzteres ein Ort für geselliges Zusammensein aber auch für subtile und nicht so subtile staatliche Propaganda.

Die Gebäude, Wohnungen und Siedlungen waren oft gleichförmig. Die einzelnen Wohneinheiten verhältnismäßig klein und schlecht isoliert gerade im Sommer. Manche Häuser hatten aus Kostengründen nur Aufzüge die alle drei Etagen hielten. Nicht wenige Wohnungen hatten fensterlose Innenbäder und sogar fensterlose Innenküchen mit Durchreiche. Die fensterlosen Bäder sind leider ein Trend, der es heute sogar in den gehobenen Wohnungsbau geschafft hat. Aber verglichen mit der damals alten Bausubstanz gab es funktionierende Heizungen, moderne Bäder, ausgestattete Küchen und ein relativ sauberes Wohnumfeld. Die Platte war beliebt und es gab wie für vieles in der DDR Wartelisten. Der Zuschlag für eine Neubauwohnung ging nicht selten an „verdiente“ Bürger und Genossen. Aber eines waren die Wohnungen und Siedlungen trotz allem Komforts nicht: Orte für Individualität.

Die Kreativen, Individualisten, Künstler und Intellektuellen bevorzugten die heruntergekommenen Altbauten. Ein vergangener Hauch von mondänem Leben, weniger Einförmigkeit und eine kleine Nische zum Ausleben in der sonst staatlich organisierten Gesellschaft der DDR. Diese Orte wurden zur Keimzelle der friedlichen Revolution und die alten Viertel sind heute oft die beliebten und teuren Gegenden der Gentrifikation. Die Intellektuellen und Künstler sind längst verdrängt und ersetzt worden durch die erfolgreiche aber irgendwie auch angepasste Bourgeoisie des ökologischen Lifestyles sowie internationale Expats, nicht zu verwechseln mit den in Deutschland nicht ganz so beliebten „normalen“ Ausländern. Oder auch westdeutsche Rentner auf der Suche nach einem urbanen Lebensabend statt des großen Einfamilienhauses in einem Stuttgarter Vorort.

Die Plattenbauten haben dagegen ihren Charme und ihre Attraktivität von damals verloren. Trotz Modernisierung bleiben die Wohnungen klein, eng und unpraktikabel für das moderne Leben. Die Mieten sind dafür oft preiswerter und gerade in den angesagten Städten Ostdeutschlands macht das die Wohnungen dadurch zu gefragten Objekten, die manchmal sogar wieder mit Wartelisten vergeben werden. Viele der Wohnungen blieben in öffentlicher Verwaltung und die Vergabepraxis hat durchaus Ähnlichkeiten zur DDR. Es bleibt aber ein Unterschied. Damals haben auch die Gebildeten und Erfolgreichen eine solche Wohnung als Privileg betrachtet, während dort heute oft die unteren Schichten und weniger Wohlhabenden dankbar für preiswerten Wohnraum sind.

Der hier abgebildete Block ist eine Ausnahme. Direkt am Wasser, wenige Minuten vom Stadtzentrum mit Park, Café und Spielplätzen um die Ecke nimmt er eine absolute Toplage in der Stadt ein. Wer hier wohnt und das zu noch annehmbaren Mieten ist wahrlich privilegiert sofern man mit der Architektur und Enge leben kann. Die Wohnungen hier sind sehr begehrt und Leerstand, üblich im Plattenbau der der provinzielleren Städte Ostdeutschlands, existiert praktisch nicht.

Fotografische Notizen:
Als ich das Bild aufgenommen habe war ich noch sehr an den verschiedenen Filmrezepten von FujiXWeekly interessiert. Mittlerweile finde ich diese Rezepte oft nur noch grotesk und mir scheint, als ob einfach immer nur neue Rezepte produziert werden müssen. Hier habe ich mit dem CrossProcess Rezept gespielt. Eine alte Methode aus Filmzeiten, bei der ein Film mit den Chemikalien und Prozessen eines anderen Filmes entwickelt wird und dabei oft mehr oder weniger verfälschende Farbeffekte produziert werden konnten. Ein Effekt der heute komplett in Software simuliert werden kann.

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