Umstürzende Neubauten

Der „Ernst-Thälmann-Park“ im Prenzlauer Berg in Berlin. Eines der letzten umfänglich vollendeten Neubauprojekte in der Hauptstadt der DDR. Bei uns einfach nur kurz „Thälmannpark“ genannt. Eigentlich sollte dieser Artikel ein kleine Beschreibung nebst historischem Abriss werden. Aber dazu steht schon genug in der Wikipedia. Also erzähle ich lieber von meinem persönlichen Bezug zu dieser Wohn- und Parkanlage. Und wer wirklich ins Detail einsteigen möchte dem empfehle ich sehr die Webseite zur entsprechenden Ausstellung.

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Umstürzende Neubauten I (2006)

Ich bin nicht im aber mit dem Thälmannpark aufgewachsen. Im Jahr 1986 wurde die Anlage fertiggestellt. Ich war damals sechs Jahre alt. Den Abriss des Gaswerks und den Bau habe ich nicht mitbekommen. Meine erste Berührung mit dem Park war in der Schulzeit. Die neue Anlage erhielt zur Gesunderhaltung der Werktätigen der DDR eine Schwimmhalle welche vormittags den Schülern diente. Im Winter entschieden die Lehrer, mit uns zu laufen damit wir abgehärtet werden, während wir im Sommer in den Genuss von zwei Stationen mit der Straßenbahn kamen.

Ansonsten haben meine Eltern und ich den Thälmannpark bis auf den einen oder anderen Cafébesuch kaum genutzt. Selbst die Schwimmhalle verblasste neben dem extravaganten SEZ, welches nur wenige Stationen entfernt war. Der vielleicht entscheidende Aspekt war, dass wir niemanden aus dem Thälmannpark kannten. Der Prenzlauer Berg war in den späten 1980er Jahren eine Gegend für Unangepasste, Alternative, Oppositionelle, Kreative und kurz, all die Menschen welche die DDR nicht ganz so überzeugend fanden. Die heruntergekommen Altbauten boten diesen Menschen ein Refugium und einen Freiraum zum ausleben oder untertauchen soweit dies in der DDR möglich war (auch die vielen Rentner in den kaputten Häusern hatten kaum Bezug, für sie waren die Neubauwohnungen nicht vorgesehen).

Plattenbausiedlungen waren das Gegenteil, denn dort lebten vor allem die Angepassten. Die breite Masse der sogenannten Werktätigen, wobei nicht alle „gewerkt“ haben. Auch der Osten hatte einen gut gefüllten Wasserkopf. Aber an diese modernen und für die DDR gut ausgestatteten Wohnungen kam nicht jeder. Insbesondere nicht die Menschen, welche aus den o.g. Gründen in den Prenzlauer Berg zogen. Neubauwohnungen bekamen vorbildliche Bürger, Leute mit Beziehungen, verdiente Genossen, junge Familien und die Angepassten. Es gab zwischen den Bewohnern des Thälmannparks und denen der Altbauviertel nebenan wenig Kontakt. Sogar in meiner Schulklasse gingen die Freundschaften selten in die „Platte“ und umgekehrt. Nicht wenige Kinder von dort waren als empfindlich verschrien, litten unter Allergien oder Krankheiten und galten etwas verächtlich als „Neubaukinder“. Der Snobismus unserer Eltern machte sich bemerkbar.

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Umstürzende Neubauten II (2006)

In den 1990er Jahren wandelte sich das Bild. Der Prenzlauer Berg wurde zum hippen Szeneviertel mit Studenten, Kneipen, Clubs und Galerien. Die Plattenbauten verloren dagegen an Attraktivität. Die Bewohner mit sicheren Jobs zogen mit ihren Kindern oft raus ins Grüne. Die Wohnungen waren recht beengt. Zur Bevölkerung gehörten nunmehr oft die Wendeverlierer, die sozial Schwachen und, neu hinzugekommen, die ersten Ausländer. Eine neue Erfahrungen für uns Ostdeutsche und gerade im Thälmannpark regte sich Widerstand. Viele Jugendliche dort fühlten sich zu den Neonazis hingezogen und Skinheads sowie Aufmärsche der Neonazis waren eine sichtbare Erscheinung. Die Anlage kippte sozial langsam um aber nicht ganz so sehr wie andere Neubauviertel. Der kulturelle und ja auch zivilisierende Einfluss der gelebten Urbanität und Intellektualität nebenan hat Schlimmeres verhindert. Dennoch bis zum Abitur hatte auch ich keine Freunde aus dem Thälmannpark. Auf die Neubaukinder haben wir als „kultivierter“ Nachwuchs auch zu Westzeiten herabgeschaut. Und so ist es oft heute noch.

Und auch die merkwürdigen Allergien und Schwächen der Kinder klärten sich auf. Die ganze Anlage befand sich auf dem Gelände eines alten Gaswerkes. Teilweise wurden die alten Tanks noch unter der Erde gelassen. Die Schadstoffbelastung war nicht unerheblich. Eine Tatsache, die der DDR-Führung vollkommen egal war. Hauptsache Wohnraum schaffen. Zumindest bis in die 2010er Jahre lief das Sanierungsprogramm mit Pumpen und Bioreaktoren. Der Attraktivität des Thälmannparks hat dies in den 1990ern nicht geholfen. Immerhin hat die Stadt hat Geld und Zeit investiert um die Anlage umweltgerecht zu sanieren.

Während des Abiturs befreundete ich mich dann doch mit einem Mitschüler aus dem Plattenbau und war hin und wieder zu Besuch. Die Häuser waren befremdlich. Steril und anonym mit viel nacktem Beton und einer ungemütlichen, kalten Ausstrahlung. Die Wohnungen waren klein und beengend. Für mich als Altbaukind mit Decken, die zweimal so hoch waren wie ich und Fluren, in denen man meterweise auf den Socken rutschen konnte, waren diese Wohnungen bessere Hafträume. Ich habe mich in der industriellen Atmosphäre solcher Bauten nie wohl gefühlt auch wenn die Faszination daran damals schon in mir schlummerte.

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Umstürzende Neubauten III (2006)

Ab den 2000er Jahren verlor ich jeglichen persönlichen Bezug zum Thälmannpark. Der Friedrichshain nebenan war viel schöner. Die Parkanlage verkam, die meisten gastronomischen Einrichtungen schlossen und die Häuser hatten den Flair eines sozialen Brennpunktes. Man sah es den Menschen die aus dem ‚Park kamen an. Die gentrifizierende Elite der Altbauviertel nebenan war sozial genauso weit entfernt von den Parkbewohnern wie die Unangepassten damals in der DDR.

Diese soziale Trennung ist vielleicht auch der Grund warum viele Neubaupläne um den Thälmannpark herum scheitern oder großen Protest hervorrufen. Man will keine weiteren Luxuswohnungen nebenan und hat Angst vor steigenden Mieten. Wobei sich letzteres in Grenzen halten könnte da die Platte sich nur begrenzter Beliebtheit erfreut. Dennoch in typischer Berliner Manier baut man lieber gar nichts und die Brachfläche neben der S-Bahn tut seit nunmehr 20 Jahren das was sie am besten kann: brach liegen.

Wenn man heute den Prenzlauer Berg besucht und einen Abstecher in den Thälmannpark macht ist es wie eine kleine Reise in eine etwas andere Welt. Weg sind die schniek sanierten Altbauten, die Coffeeshops, Galerien und Bioläden. Statt dessen fällt sofort der sichtbare Mangel an Gewerbe, Gastronomie und Einzelhandel auf. Den Treibern moderner fußläufiger Urbanität. Auch die Menschen wirken anders und irgendwie so gar nicht recht nach Prenzlauer Berg. Doch die Nähe zum Prenzlauer Berg hat auch zur Organisation einer effektiven Interessenvertretung geführt. Dennoch bleibt der Thälmannpark eine merkwürdige Exklave inmitten der Berliner Gentrifizierungshochburg.

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