Grau zu Grün

Ich bin teils hinter dem Eisernen Vorhang aufgewachsen. In Berlin der Hauptstadt der DDR in Eigenbezeichnung oder kurz „Ost-Berlin“. Meine Kindheit war offiziell geprägt von den materiellen und sozialen Errungenschaften des wissenschaftlichen Marxismus-Leninismus. Wenn ich an die Zeit zurückdenke, fallen mir ganze Nachmittage auf der Suche nach Kinderschuhen, Stromausfälle im Winter, Einschusslöcher in den Häusern und ganz allgemein die Farbe „Grau“ ein.

Natürlich hatten die neuen Plattenbausiedlungen am Stadtrand etwas mehr Farbe, Gras und Spielplätze aber meine Heimat mit den kaiserzeitlichen Altbauten sah immer noch so aus wie kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Oft war nur der Putz mal erneuert worden, es gab kaum Werbung, die Läden hatten wenig attraktive Dekoration und nur an der Protokollstrecke nach Wandlitz wurde in den Seitenstraßen das erste und zweite Haus frisch gestrichen.

Grey Apartment Blocks in Berlin
Grauer Altbau (2004)

Aber wir hatten einen Park in der Nähe in dem ich oft gespielt habe. Meine Eltern haben mich da einfach allein toben lassen als ich so sieben oder acht Jahre alt war. Kaum vorstellbar, daß ich meine Tocher in dem Alter allein raus lasse. Da steht das Jugendamt auf der Matte. Später wurde das Viertel saniert wurde und hat sich zur hippen Avantgarde der Stadt transformiert. Der Park, besser gepflegt, war immer noch Oase der Ruhe und Natur zwischen all der neuen Hektik der Stadt.

Aber der Park änderte sich leider auch. Statt einer Quelle der Erholung wurde er zum Spielplatz für die aufregenden und spaßorientieren Menschen, welche Berlin als Urlaubsziel oder gar neuen Wohnort entdeckten. Der Park war nicht mehr grün sondern wurde bunt. Bunt mit Menschen, Picnicdecken, neonfarbenen Sportklamotten, lauten Gesprächen und Musik. Der Park und das Viertel wurden zu laut und mittlerweile auch zu teuer. Es war Zeit zu gehen.

Fuji X100T: From Grey to Green
Grau nach Grün (2019)

Also zogen wir eine kleinere Stadt, welche ebenso einen Park in der Nähe hatte. Groß mit kleinen Waldstücken, Rasen, Hügeln und historischen Gebäuden. Keine Autos, keine Straßen und keine Modernität. Niemand grillt, tanzt auf der Wiese oder hört laute Musik. Es gibt keine Sportanlagen. Die Menschen kommen her zum Spazieren, Natur genießen, auf der Bank sitzen und Schlösser bewundern. Und ich habe gemerkt wie sehr ich Natur und Ruhe brauche. Grün beruhigt meine Seele und meinen hyperaktiven Geist.

Ich meine immer, daß das Grün hier irgendwie schöner sei als in Berlin. In der großen Stadt gibt es immer nur ein paar Bäume, Sträucher oder eine Wiese zu sehen. In den Parks hier kann ich mich drehen und sehe nur Natur. Endlich raus aus dem Grau und im Grün.

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