Ein kurzer Augenblick

Diese Kurzgeschichte wurde zuerst im Juli 2020 auf Englisch veröffentlicht und basiert auf Gedanken zum ersten Lockdown im Frühjahr 2020. Das Bild und die Begebenheit auf denen diese Geschichte beruht liegen schon länger zurück. Die Geschichte spielt in einer dystopischen Welt der nahen Zukunft und spiegelt meine Gefühle von Einsamkeit und Isolation wieder, die ich zu Beginn der Pandemie erlebt habe. Im Nachhinein betrachtet habe ich während Pandemie tatsächlich neue Menschen kennengelernt. Ich war selbst ein wenig überrascht.

Sony RX100: An empty S-Bahn train in winter after a glance encounter

Ich steige in die S-Bahn und setze mich auf einen freien Platz. Es ist leer und ich habe die Sitzreihe für mich. Wie alle anderen Leute in der Bahne schaue ich auf den Bildschirm, ohne den wir uns gar nicht mehr trauen das Haus zu verlassen. Wir sind alle maskiert und halten drei Meter Abstand während uns Kameras und ständige Ansagen daran erinnern, daß die Einhaltung der mal wieder geänderten Hygieneregeln auch wirklich überwacht wird. Ich fühle mich einsam und isoliert. Niemand redet und niemand lächelt, es ist dunkel und kalt. Hinten hustet jemand. Die anderen Fahrgäste stehen auf und steigen in die anderen Wagen. Wo ist die Leichtigkeit geblieben?

An der nächsten Station steigt ein junger Mann ein und setzt sich mir gegenüber. Bei näherer Betrachtung wohl doch kein junger Mann mehr. Vielleicht Ende 30 oder Anfang 40? Aber er hat eine Ausstrahlung, die ihn so jungenhaft wirken lässt. Vielleicht sind es die langen, dunklen und etwas verwuschelten Haare und die aufmerksamen Augen? Der Rest verbirgt sich hinter der Maske, den Handschuhen und dem langen Mantel. Ich wollte wieder auf mein Telefon schauen und mich sinnlos ablenken als mir auffiel, daß der Mann gar nicht auf seinen Bildschirm starrt. Stattdessen schaut er mich an. Direkt in die Augen, dem einzigen Körperteil welches nicht versteckt ist. Vor der Pandemie hätte ich das direkte Anschauen sehr unhöflich und geradezu übergriffig empfunden aber heutzutage gehört Anschauen zu den wenigen menschlichen Kontakten, die wir noch ohne Angst vor der Infektion haben können.

Und es ist eine Weile her, daß mich jemand so angeschaut hat. Seine Augen haben so eine undefinierbare Farbe und sind äußerst wach. Ich ahne was er denkt. Ich sehe seine Augen über mich wandern. Er schaut auf meine Maske und ich kann die Gedanken und Wünsche selbst mit drei Metern Abstand spüren. Wie er sich wünscht einfach nur meinen Lippen sehen zu können. Zu schauen ob seine Blicke ein unwillkürliches Lächeln auslösen. Ob es sich lohnen würde mich anzusprechen, ob wir uns vielleicht anziehend finden, ob wir uns am Ende des Tages in einem Coffeeshop wiedersehen. Ich vergaß, Coffeeshops sind nur noch zum Mitnehmen und nicht mehr zum Verweilen. Zu hohes Infektionsrisiko.

Ich spüre wie er sich nach einer Verbindung sehnt, nach Kontakt und Nähe oder sind das nur meine Wünsche und meine Einsamkeit in die ich mich gerade verrenne mit diesem fremden Menschen in der S-Bahn? Ich glaube ich würde ihn anlächeln wenn ich könnte. Schauen was passiert, was sich ergibt. Aber selbst wenn. Meine vom Gesundheitsamt genehmigte Liste an Kontakten ist schon voll. Soll ich Freunde und Familie von der Liste werfen für einen fremden Mann in der Bahn? „Lächelt mit den Augen“ steht auf den Plakaten die überall hängen. Wenn es so einfach wäre…

Nächster Halt…..

Ich schaue an den Anzeiger und sehe meine Station. Ich muss aussteigen. Ich habe nicht einmal richtig zurückgeschaut. Aber ich muß aussteigen. Ich darf nicht zu spät kommen und mein Arbeitszeitfenster verpassen sonst habe ich wieder einen unbezahlten Tag. Wo sind die Kameras? Werde ich gesehen? Nein, mir ist das heute egal. Ich laufe durch den Gang zur Tür und streife seine Schulter mit meiner Hand. Es fühlt sich so gut an. Ich wünschte ich könnte bleiben, meine Hand liegen lassen, schauen ob mehr passiert aber der kleine Augenblick währt nicht lange und schon bin auch ausgestiegen. Ich warte und schaue dem Zug nach, vielleicht sehe ich seine Augen nochmal. Und ja, da sind sie und ich sehe Tränen….

%d Bloggern gefällt das: